Das Mesolithikum

 

 

Das Mesolithikum in Mitteleuropa - Ein kurzer Einblick

 

Um etwa 9600 v. Chr. lässt sich ein deutlicher Temperaturanstieg bemerken, der als Grenze zwischen der Eiszeit und der heutigen Warmzeit angesehen werden kann. Durch diesen Temperaturanstieg fand auch ein Wandel in der Pflanzen- sowie der Tierwelt statt. Allmählich breitete sich das Waldgebiet immer weiter nach Norden aus und mit ihm kamen auch entsprechende Tiere wie der Auerochse, der Rothirsch, das Reh, der Elch und das Wildschwein. Der Lebensbereich der Rentiere hingegen verlagerte sich immer weiter nach Norden, in die noch kälteren Gebiete. Das Abwandern der Rentierherden in die immer weiter nördlich gelegenen Gebiete führte vermutlich auch dazu, dass die Ahrensburger Kultur ebenfalls ins heutige Skandinavien abwanderte, da sie überwiegend als Rentierjäger galten und ihre mobile Lebensweise eine Verlagerung des eigenen Lebensraumes begünstigte.

Ahrensburger Kultur
Als Ahrensburger Kultur wird eine Kultur von Rentierjägern bezeichnet, die etwa in die Jüngere Dryas zwischen 10.760 bis ca. 9.650 v. Chr. datiert. Ihr Lebensraum war das Flachland des nördlichen Mitteleuropa, welches sich als eine von Baumgruppen durchzogene endeiszeitliche Tundra darstellte. Für die Jagd verwendeten sie in der Regel Pfeil und Bogen, wobei die Pfeilspitzen meist aus Flint gearbeitet waren und als sogenannte Mikrolithen oder als Stilspitzen zum Einsatz kamen. Der Fundplatz Stellmoor in der Nähe vom namensgebenden Fundplatz Ahrensburg bei Hamburg brachte einige dieser charakteristischen Jagdwaffen zum Vorschein. Doch auch Kratzer, Stichel und retuschierte Klingen gehörten zum Fundbestand. Weitere Werkzeuge und Waffen wie Hacken und Harpunen wurden ebenfalls aus Knochen hergestellt, wie die Fundbestände zeigten. Neben Stellmoor gilt auch die Höhle Hohler Stein bei Rüthen-Kallenhardt im Mittelgebirgsraum als ein bedeutender Fundplatz der Ahrensburger Kultur. So fanden sich auch hier die entsprechenden Stilspitzen sowie auch weitere Waffen und Werkzeuge aus Knochen und ebenfalls Reste der ehemaligen Jagdbeute, wobei die Rentierknochen besonders häufig auftraten. Als Behausung dürften ihnen vermutlich Rundzelte gedient haben. So rasch, wie einst die Kälteperiode eingesetzt hatte, so rasch vollzog sich nun gegen 9600 v. Chr. der Übergang in die warmzeitlichen Perioden und der Mensch musste sich erneut an klimatische Veränderungen gewöhnen und sich anpassen. Die große Zeit der Rentierjäger endete mit den immer weiter ansteigenden Temperaturen und ermöglichte so die Erschließung neuer Nahrungsquellen.

Neues Klima – neue Lebensweise
In der Zeit zwischen 9600 – 6800 v. Chr. verändern sich Fauna und Flora. Den ausgedehnten Kiefernwäldern und den Birken folgen nun Mischwälder mit vielen Haseln, die dann um etwa 6800 v. Chr. allmählich in dichte Eichenmischwälder übergingen. Dies war der Lebensraum der sogenannten Maglemose Kultur, die zwischen 8000 – 6000 v. Chr. als älteste mesolithische Kultur des nordeuropäischen Tieflandes gilt. In der Anfangszeit prägten vor allem Kiefern, Birken, Ulmen und die Erle das Landschaftsbild. Je wärmer das Klima wurde, umso mehr siedelten sich andere Pflanzen wie die Linde an. Im Unterholz fanden sich nun auch Haselnusssträucher, deren Früchte oft in großem Maße als Vorräte angelegt wurden und die man sogar durch Rösten konservierte, wie es einige Fundstellen mit angebrannten Schalen belegen. Auch verschiedene Beeren und Früchte, die sich in den entstandenen Wäldern fanden, erweiterten das Nahrungsangebot. Nach wie vor gehörte die Jagd zu den wichtigsten Nahrungsquellen und nach wie vor jagte man mit Pfeil und Bogen. Auf dem dänischen Fundplatz Holmegard fand sich sogar noch ein ca. 180 cm langer Bogenstab aus Ulmenholz, der dank der guten Bodenbedingungen erhalten blieb. Die entsprechenden Pfeile wurden mit kleinen, geometrischen Pfeilspitzen versehen, die in verschiedenen Formen auftreten konnten. So konnten dreieckige Pfeilspitzen auftreten, ebenso wie trapezförmige oder querschneidige Mikrolithen. Eine weitere Ergänzung des Speiseplans bot nun auch der Fischfang. Eine bevorzugte Lage mesolithischer Lagerplätze war die Nähe zu Gewässern. Diese boten ein reichhaltiges Angebot an Nahrungsmitteln, welche auch entsprechend genutzt wurden, wie die Funde von Angelhaken verschiedener Größe, Harpunen, Fischernetzte und sogar Reusen belegen. Netzreste fanden sich zum Beispiel im nordostdeutschen Moorfundplatz Friesack, ebenso wie in Rotenklempenow. Die mitunter sehr großen Angelhaken, die aus Knochen oder Geweih hergestellt wurden, lassen darauf schließen, dass nicht nur kleine Fische gefangen wurden, sondern auch recht große wie der Hecht oder Wels. Wobei die Erfindung des Angelhakens sowie auch des Drillbohrers vermutlich ebenfalls der Maglemose Kultur zugesprochen werden kann. Ein weiterer Fund aus Friesack belegt den Fischfang sogar mit sogenannten Fischspeeren, deren Spitze meist aus Knochen gefertigt wurde und aus gezähnten Widerhaken bestand. Funde von Einbäumen und Paddeln, wie z.B. das aus Duvensee, zeugen davon, dass es bereits im Mesolithikum Fischfang auf offenen Gewässern oder zumindest in Küstennähe gab. Bei den mesolithischen Fundplätzen in Gewässernähe zählt Friesack vermutlich mit zu den bedeutendsten. Dank der günstigen Bodenbedingungen ließen sich hier auch besonders zahlreiche organische Funde ausmachen. So ließ sich hier das erste mesolithische Fischernetz nachweisen, welches aus gedrehten Pflanzenfasern bestand. Ebenso fanden sich Reste von Seilen, die aus Weidenbast gefertigt waren und die zahlreiche Anwendungsmöglichkeiten boten. Insgesamt liegen aus Friesack inzwischen über 400 gezähnte Knochenspitzen vor, die von intensivem Fischfang zeugen. Auch der Fund eines Behälters aus Birkenrinde ist zu erwähnen, der vermutlich zum Schöpfen von frischem Wasser verwendet wurde. So bietet Friesack ideale Voraussetzungen um den Alltag, die Lebensweise und auch den Lebensraum der mesolithischen Menschen in dieser Gegend näher zu untersuchen. All diese Funde und Fundorte wie Friesack und Duvensee legen nahe, dass der mesolithische Mensch zumindest Saison bedingt Teilsesshaft war und sich an bevorzugten Orten immer wieder und auch für längere Zeit, möglicherweise sogar in größeren Gruppen niederließ. Ab ca. 6000 bis 5200 v. Chr. folgte die Kongemose Kultur der Maglemose Kultur. Auch sie lebten weiter als Jäger und Sammler, jedoch wurde der Fischfang immer bedeutender für die Ernährung. Ihre Wohnstätten suchten sie sich nun vermehrt in Küstennähe, was auch zu neuer Jagdbeute wie Seevögel, Robben, kleine Tümmler und sogar Wale führte. Dies lässt auch auf inzwischen fortgeschrittene Techniken im Fischfang und auf die Nutzung von Booten, wie z.B. Einbäumen schließen. Die Kongemose Kultur steht somit zwischen den mesolithischen Stielspitzen Gruppen, die überwiegend noch Jagd auf große Rentierherden machte, der Maglemose Kultur, die durch die klimatischen Veränderungen auch vermehrt den Fischfang in den Nahrungsplan mit aufnahm und der Ertebølle-Ellerbek-Kultur, die der Kongemose Kultur ab etwa 5100 v. Chr. folgte.

Kunst und Ritual?
Während des älteren Mesolithikums wurde unter dem Begriff Maglemose eine Kultur zusammengefasst, die sich besonders durch verzierte Knochenhaken und sogenannte Lochstäbe aus Rothirschgeweih auszeichneten. Die Verzierungen bestanden aus Linien mit kurzen Haken, Winkellinien und sogar aus strichgefüllten Dreiecken, die sorgfältig in geglättete Geweihstangen oder in Knochen geritzt wurden. Oft wurden diese Motive zusätzlich mit einer dunklen Harzmasse gefüllt, so dass sie sich besonders vom hellen Untergrund des Geweihs oder Knochens abhoben. Die Bedeutung dieser Zeichen und Motive ist bis heute nicht geklärt und wird vermutlich auch in Zukunft nur schwer gedeutet werden können. Auffällig ist jedoch, dass sich solch verzierte Objekte auch überregional von der norddeutschen Tiefebene bis nach Skandinavien finden lassen. Vielleicht dienten sie verschiedenen mesolithischen Gruppen als eine Art Erkennungszeichen oder aber sie standen in Verbindung mit verschiedenen Ritualen. Ein Fund aus der Gegend um Bedburg-Königshoven, der beim Abbau von Braunkohle gemacht wurde, erregte besondere Aufmerksamkeit. Am Fuße einer Profilwand zeigte sich das schädelechte Geweih eines kapitalen Rothirsches. Bei der Untersuchung dieses Fundes entdeckte man an der Schädelpartie zwei künstlich hinzugefügte Löcher, die eindeutig Spuren menschlicher Bearbeitung zeigten. So wird dieser Fund als die bisher größte mesolithische Schädelmaske interpretiert. Die Lage der Löcher lässt darauf schließen, dass es sich hier tatsächlich um eine Maske handelt. Welchem Zweck sie jedoch einst diente, lässt sich wesentlich schwerer klären. Denkbar wäre eine Nutzung zumindest durch einen Schamanen, der die Maske bei speziellen, vielleicht Jagdritualen trug, oder er nutzte die Maske für Rituale in denen er die Ahnen oder andere Geister anrief, wie es völkerkundlich auch für frühere Schamanen in Sibirien belegt ist. Doch auch eine ganz herkömmliche Deutung könnte auf die Maske zutreffen. Möglicherweise diente sie mit entsprechend übergeworfenem Fell als Tarnung, um sich so bei der Jagd näher an die Beute heranzuschleichen. Wobei die eine Theorie zur Nutzung solcher Masken die andere Theorie nicht ausschließen muss. Die Maske aus Bedburg-Königshoven ist nicht das einzige Exemplar. Weitere mesolithische Geweihmasken sind auch aus dem englischen Starr Car, aus Hohen-Viecheln und aus der Umgebung von Berlin bekannt.

Die Jagdwerkzeuge
Mit zunehmender Erwärmung entstand um etwa 7000 v. Chr. in Mitteleuropa ein flächendeckender Eichenmischwald. Die Haselnuss ging durch die veränderten klimatischen Bedingungen immer weiter zurück und musste durch das Sammeln anderer Früchte ausgeglichen werden. Auch der immer dichter werdende Wald erschwerte die Jagd und so wurde der Rothirsch zur immer beliebteren Beute. Er diente den Mesolithikern nicht nur als Nahrung, sondern aus seinem Geweih wurden auch die Harpunen und Angelhaken hergestellt, die man für den immer wichtiger werdenden Fischfang benötigte. Noch immer waren die Mesolithiker überwiegend Jäger und Sammler, auch wenn der Fischfang zu einer immer ertragreicheren Nahrungsquelle wurde. Die Jagd in den immer dichter werdenden Wäldern führte auch zu neuen Jagdtechniken und einer damit verbundenen Verfeinerung der Jagdwaffen. Nach wie vor jagte man überwiegend mit Pfeil und Bogen, wobei die Pfeilspitze noch immer aus Mikrolithen gefertigt wurde. Doch gerade diese Mikrolithen waren nun viel regelmäßiger geformt und besser bearbeitet. Aus regelmäßig bearbeiteten Flintklingen wurden rechteckige Mikrolithen herausgearbeitet, entweder trapezförmig oder als sogenannter Querschneider. Diese verbesserten offensichtlich die Pfeileigenschaften und so verbreitete sich die neue Pfeiltechnik in relativ kurzer Zeit in ganz Mitteleuropa, sowie auch in Norddeutschland bis nach Skandinavien. So bilden die sogenannten Vierecksmikrolithen eine Leitform für das spätere oder jüngere Mesolithikum dar, wenngleich auch die langschmalen Mikrolithen noch immer im Gebrauch waren. Ebenso gab es auch regionale Unterschiede in der Bearbeitung der Mikrolithen, die auf Grenzen zwischen einzelnen spätmesolithisch beeinflussten Gebieten hinweisen. So spiegelt vielleicht eine flächig retuschierte Spitzenform, die auch als Mistelblattspitze bezeichnet wird, möglicherweise das Schweifgebiet eines mesolitischen Stammes oder Clans wider.

Der mesolithische Wohnraum
Auch im Spätmesolithikum wurden die Höhlen bevorzugt als Wohnort genutzt, wie es entsprechende Fundstellen belegen. Jedoch sind gerade solche Fundstellen von Zerstörung bedroht, hauptsächlich durch eine fortschreitende Oberflächenerosion, aber auch durch eine Ansammlung von erodiertem Erdreich. Mesolithische Wohnstätten im Freiland lassen sich nur sehr schwer finden und sind nur in sehr geringer Zahl, meist als Rundzelte, belegt. Oftmals werden solche Plätze nur zufällig aufgefunden. Durch den Einsatz von Pflügen werden entsprechende Fundstellen oft vor ihrer Entdeckung zerstört. Nur wenn die Funde in einer entsprechenden Tiefe liegen, sind sie vor der Zerstörung geschützt, wie das Beispiel von Rottenburg-Siebenlinden zeigt, das durchaus Grund zur Annahme liefert, dass die Besiedlungsdichte im Spätmesolithikum nicht so gering war, wie man bisher annahm.

Mesolithische Bestattungen
Bestattungen aus dem Mesolithikum sind nur in sehr geringer Zahl belegt. In der Regel handelt es sich hier um Einzelbestattungen. Die Toten wurden in sogenannter Hockerstellung beigesetzt und erhielten Grabbeigaben für ihren Weg ins Jenseits. Der Fund aus Combe Capelle in Frankreich wurde zum Beispiel nach einer Neudatierung auf 7575 v. Chr. datiert und zeigt die Bestattung eines mesolithischen Mannes, der mit einer um den Hals gelegten Muschelkette, Flintwerkzeugen und Tierknochen beigesetzt wurde. Besonders die Hockerlage der Toten scheint im Mesolithikum die bevorzugte Bestattungsposition gewesen zu sein, da entsprechende Gräber diese Hockerstellung aufweisen. Da es nur wenige Belege für mesolithische Bestattungen gibt, ist es umso erstaunlicher, wenn man im archäologischen Befund plötzlich auf Anhäufungen von Schädeln und Skeletten trifft. So geschehen 1908 in der Großen Ofnet Höhle in Bayern. Bereits im Eingangsbereich der Höhle fanden sich zwei Schädelnester in einem Abstand von gerade einem Meter. Die erste Grube beinhaltete 28 Schädel und die zweite Grube sechs Schädel. Sie alle lagen dicht beieinander und waren mit besonderen Beigaben versehen, zu denen Schmuck aus Hirschgrandeln und 4200 durchbohrte Schnecken gehörten. Aufgrund von Radiokarbondatierung konnte der Fund auf ca. 6300 v. Chr. datiert werden. Die zahlreichen Beigaben, sowie auch die Tatsache, dass die Nester mit Rötel eingefärbt waren. Lassen hier auf eine besondere Bestattung schließen. Deutlich erkennbare Schnittspuren zeugen davon, wie der Kopf vom Rumpf abgetrennt wurde, von den übrigen Körperteilen ließ sich hingegen keine Spur finden. Neuere Untersuchungen an den Menschenresten aus der Großen Ofnet Höhle konnten bestätigen, dass einige Schädel Hiebverletzungen aufwiesen, wie sie von Beilartigen Waffen bekannt sind. Diese Spuren fanden sich überwiegend am Hinterkopf bei den männlichen Schädeln. Hatte hier ein Überfall stattgefunden? Oder haben wir es hier mit rituellbedingten Bestattungen zu tun? Der Fund eines Schädelnestes mit drei Schädeln in der Höhle von Hohenstein-Stadel lässt durchaus auf eine überregionale Tradition der Schädeldeponierungen hinzuweisen. Entsprechende Funde sind auch aus dem Vorderen Orient bekannt, so zum Beispiel in ʿAin Ghazal. Eine Reihe von Bestattungen ganzer Körper ist aus dem östlichen Deutschland bekannt, wo es sich um mehrere Einzelbestattungen handelt. Nur der Fundplatz Groß Fredenwalde zeigt die Bestattung mehrerer Erwachsener und Kinder. Hier stellt sich die Frage, ob die sechs Individuen zusammen beigesetzt oder mit zeitlichem Abstand ins Grab gelegt wurden. Möglicherweise handelt es sich hier sogar um ein Familiengrab. Zumindest zeigen die Toten keine Anzeichen von äußerer Gewaltanwendung. Eine ganz besondere mesolithische Bestattung fand sich in Bad Dürrenberg, welches auf ca. 6500 v. Chr. datiert wird und das als Bestattung einer Schamanin gedeutet wird. Als besondere Beigabe besaß sie auch ein relativ unscheinbares flach geschliffenes Beilchen aus schiefrigem Felsgestein, welches eigentlich erst aus der Bandkeramischen Kultur, also den ersten Ackerbauern und Viehzüchtern in Mitteleuropa, bekannt ist. Da es hier gut 1000 Jahre vor der Bandkeramik erscheint, lässt auf mögliche Tauschverbindungen zum südosteuropäischen Raum schließen, welches bereits zu dieser Zeit landwirtschaftlich orientiert war. Neben diesem Beil war die Frau zusammen mit einem Kind bestattet worden. Das Doppelgrab war mit Rötel bestreut und wies zahlreiche Beigaben wie Schmuckobjekte, Reste verschiedener Tiere, eine Büchse aus Kranichknochen die mit Mikrolithen gefüllt war, Fragmentreste eines Hirschschädels mit Geweih und verschiedene Panzer von Schildkröten auf. All dies lässt darauf schließen, dass es sich hier tatsächlich um das Grab einer mesolithischen Schamanin gehandelt haben könnte, da entsprechende Gegenstände völkerkundlich mit dem Schamanismus in Zusammenhang stehen.

Die letzten Mesolithiker
Das Beil der Schamanin aus Bad Dürrenberg ist nicht der einzige Fund, der auf schon sehr frühe Kontakte zur bäuerlichen Lebensweise hinweist. In der Nähe von Göttingen wurden in einem Abri mit mesolithischen Funden auch erste Haustierknochen von Schaf und Ziege nachgewiesen. Auch die Botanik liefert mit Pollendiagrammen vereinzelte Nachweise auf eine recht frühe, jedoch kleinräumige Getreidenutzung im späten Mesolithikum. Hier stellt sich die Frage, ob die späten Mesolithiker bereits wesentlich früher als bisher angenommen in Kontakt mit der bäuerlichen Lebensweise gekommen sind. Lange glaubte man, dass das Vordringen der landwirtschaftlichen Lebensweise durch neue Einwanderer aus dem südosteuropäischen Raum die letzten Jäger und Sammler entweder vertrieben oder kolonisiert hat. Jedoch geben die eben beschriebenen Funde auch Hinweise auf einen sanften Übergang und die Möglichkeit, dass bereits die späten Mesolithiker selbst aktiv an der Durchsetzung der neuen Lebensweise beteiligt waren. Zu Beginn der landwirtschaftlichen Lebensweise siedelte man sich bevorzugt in den fruchtbaren Lössgebieten an, deren nördliche Begrenzung auf Höhe der Magdeburger Börde liegt. Die norddeutsche Tiefebene war mit ihrem sandigen und schweren Boden zur damaligen Zeit weniger für den Ackerbau geeignet, so das in diesen Regionen die wildbeuterische Lebensweise noch für etwa weitere 1400 Jahre bestand hatte. Die Siedlungs- und Schweifgebiete der letzten Mesolithiker konzentrierten sich nun auf Küstengebiete und auf die Umgebung mit Gewässern im Hinterland. Um ca. 5300 v. Chr. trat dann auch im westlichen Ostseegebiet die sogenannte Ertebølle-Ellerbek-Kultur in Erscheinung, die nach ihrem Fundort Ertebølle am Ostufer des Limfjordes in Jütland und nach dem in Deutschland gelegenen Fundplatz Ellerbek benannt wurde.

Ertebølle-Ellerbek-Kultur
Die Ertebølle-Ellerbek-Kultur gehört zu den spätmesolithischen Kulturen und war zwischen ca. 5100 – 4100 v. Chr. vom heutigen Dänemark bis nach Norddeutschland verbreitet. Ihre Wohnstätten konnten vor allem an der Küste nachgewiesen werden. In den Jahren zwischen 1893 und 1897 untersuchte man einen 140 m langen, 30 bis 40 m breiten und bis zu 1,50 m hohen Muschelhaufen, der am namensgebenden Fundort Ertebølle entdeckt wurde und der neben unzähligen Speiseabfällen auch die reichhaltige Hinterlassenschaft der Ertebølle-Ellerbek-Kultur beinhaltete. Entsprechende Abfallhaufen fanden sich auch an anderen Fundorten Europas. Die Wohnstätten der Ertebølle-Ellerbek-Kultur konnten besonders anhand der Abfallhaufen, die auch als Køkkenmøddinger bezeichnet werden, was nichts anderes als „Küchenabfallhaufen“ bedeutet, nachgewiesen werden. Wie die Funde aus den Küchenabfallhaufen gezeigt haben, wurden Diese auch später von neolithischen Kulturen, wie der Trichterbecherkultur genutzt. Weitere Wohnplätze, die sich ebenfalls durch die entsprechenden Køkkenmøddinger auszeichnen wurden an Küsten, im Inland und sogar unter Wasser entdeckt. Zahlreiche Fundstätten der Ertebølle-Ellerbek-Kultur befinden sich heute unter Wasser, da durch die Erwärmung und das Abtauen der Eismassen der Wasserspiegel im Laufe der Zeit angestiegen ist. Zu diesen Fundplätzen zählen unter anderem auch Muldbjerg I und Ǻmose auf Seeland. Auch in Deutschland lassen sich entsprechende Fundplätze finden, so zum Beispiel in Timmendorf-Nordmole, Jäckelberg in Mecklenburg und der zweite namensgebende Fundort Ellerbek in Schleswig-Holstein. Die ersten Funde der Ertebølle-Ellerbek-Kultur in Deutschland wurden zwischen 1876 und 1903 beim Ausbaggern des Kieler Hafens gemacht. Eines der interessantesten Fundstücke dieser Kultur ist vermutlich ein Paddelblatt, das man in Baabe auf Rügen fand und welches abermals von der Bedeutung des Fischfangs und der Nutzung und Herstellung von Booten zeugt. Die enorme Bedeutung des Fischfangs für die Ertebølle-Ellerbek-Kultur zeigt sich auch im dänischen Fundplatz Tybrind Vig, der zwischen 1977 und 1987 als erster Unterwasserwohnplatz Dänemarks ausgegraben wurde. Tybrind Vig liegt etwa 13 Kilometer südöstlich von Middelfart auf Fünen und ist ca. 300 Meter vom Strand entfernt, wobei der Fundplatz zwischen drei und fünf Meter unterhalb des derzeitigen Meeresspiegels in der Ostsee liegt. Die eingesetzten Taucher brachten zahlreiche und auch gut erhaltene Artefakte mit an die Oberfläche. So entdeckten sie Angelhaken, Reusen, Reste von Fischzäunen, Hinweise auf den Einsatz von Fischspeeren und sogar einige der bisher ältesten Textilfunde Nordeuropas. Ganz besonders hervorzuheben sind auch die Bootsfunde aus Tybrind Vig, wobei es sich nicht um die bereits bekannten Einbäume handelt, sondern um größere Boote aus leicht zu bearbeitendem Lindenholz. Eines der Boote ist zu 95% erhalten geblieben und weist immer noch eine Länge von 9,5 Metern auf. Die Überreste von zwei weiteren Booten hatten immerhin noch die beachtliche Länge von 3,2 m und 5,2 m. Angetrieben wurden auch diese Boote durch Paddel, von denen sich ebenfalls einige in Tybrind Vig fanden, teilweise sogar verziert. Das längste und besterhaltene Boot wies noch eine weitere Besonderheit auf. Direkt auf dem Boden des Bootes lag eine Tonlinse von 60 × 35 cm und bis zu 3 cm Dicke, die als Herdstelle genutzt wurde. Da die zwei weiteren Boote leider nicht mehr so gut erhalten waren, lies sich nicht mehr klären, ob auch sie mit einer entsprechenden Herdstelle ausgestattet waren. Zumindest zeugt dieser Fund von der bereits doch sehr ausgefeilten Technik im Schiffsbau und von der Bedeutung, die dieser für die Ertebølle-Ellerbek-Kultur hatte. Im Verlauf der Ertebølle-Ellerbek-Kultur tritt noch eine weitere Neuerung für das Spätmesolithikum auf: die Keramik. Vermutlich durch den Einfluss der südlich angrenzenden Kulturen oder dem Einfluss der baltischen Narva-Kultur begann man auch im nördlichen Europa mit der Herstellung von Keramik. Die Ertebølle-Ellerbek-Kultur zeichnet sich im Besonderen durch unverzierte, spitzbodige Gefäße und durch Tonlampen aus. In Schlamersdorf, Kreis Segeberg fanden sich sogar spitzbodige Gefäße deren Rand mit Fingernageleindrücken oder auch mit sehr kleinen Einstichen verziert war. Die äußerst dickwandige Keramik, die unterschiedliche Wandstärken zwischen 5 und 15 mm aufweist wurde in Wulst- oder Schrägaufbautechnik hergestellt. Obwohl es sich bei der Ertebølle-Ellerbek-Kultur um eine sehr maritim ausgerichtete Kultur handelte, die sich in besonderem Maße von Seefischen wie Dorsch und Plattfisch, von Muscheln sowie auch von Barschen und Hechten ernährte und sogar Robben, Seehunde und Tümmler erbeutete, folgten sie zur Nahrungsbeschaffung auch nach wie vor der mesolithischen Tradition der Jagd. Als Jagdwaffen dienten auch ihnen überwiegend Pfeil und Bogen, die noch immer nach dem Vorbild der Kongemose Kultur gefertigt wurden. Dies lies sich anhand eines weiteren Fundes aus Tybrind Vig nachweisen, wo ein ca. 160 cm langer Bogen aus Ulmenholz erhalten blieb. Auch an weiteren Fundplätzen fanden sich Überreste von verschiedenen Bögen, die meist als Stabbogen mit D-förmigem Querschnitt gefertigt wurden. Als Pfeilspitzen nutzen sie überwiegend die inzwischen bewährten Querschneider. Wie Knochenfunde aus den Køkkenmøddingern zeigten, machte man besonders Jagd auf den Rothirsch, auf Wildrind, Reh und Wildschwein. Auch Bestattungen sind aus der Ertebølle-Ellerbek-Kultur überliefert. Wie Funde aus Skateholm in Schweden oder von dem bereits bekannten Fundplatz Tybrind Vig zeigen, wurden die Toten meist in unmittelbarer Nähe zu den Wohnstätten beigesetzt. Besonders häufig scheinen die Verstorbenen jedoch in den Køkkenmøddingern beigesetzt worden zu sein, da sich hier auch häufige menschliche Überreste fanden. Der Fundplatz Tybrind Vig zeichnet sich auch bei den Bestattungen wieder durch einen besonderen Fund aus. So konnte das Grab eines jungen Mädchens, etwa im Alter zwischen 13 und 14 Jahren geborgen werden, welches zusammen mit einem ca. 3 Monate alten Kind beigesetzt wurde. Des Weiteren konnten in Tybrind Vig Knochen und Knochenfragmente von zwei weiteren Individuen identifiziert werden, zu denen auch ein Schädelfragment gehörte, welches vermutlich von einem Mann stammte und zwei verheilte Läsionen aufwies. Grabbeigaben konnten nicht ausgemacht werden. Da sich der Fundplatz jedoch unter Wasser befand, lässt sich nicht ausschließen, dass mögliche Grabbeigaben verlagert wurden und daher nicht mehr als solche identifiziert werden können. Da sich das Neolithikum mit Ackerbau und Viehzucht zu dieser Zeit schon über weite Teile Europas ausgebreitet hatte, ließ sich auch der Kontakt der Ertebølle-Ellerbek-Kultur zu anderen Kulturen nicht vermeiden. Besonders entlang der Küsten, Wasser- und Flussläufen dürfte Tauschhandel mit anderen Kulturen durchaus üblich gewesen sein. Dies beweisen auch verschiedene Funde von durchlochten Felsgesteinsbeilen und entsprechender Keramik, die neolithischen Kulturen zugesprochen werden können. Zum Ende des 5. Jahrtausends dürfte dann auch der Einfluss, der im Süden gelegenen Michelsberger Kultur, auf die im Norden gelegene Kultur zugenommen haben. Um etwa 4100 v. Chr. zog dann auch in Norddeutschland die neolithische Wirtschaftsweise ein, wobei die Küstenfundplätze auch in der folgenden Zeit immer wieder zum Fischfang oder zur Jagd auf Robbe, Seehund und den Rothirsch aufgesucht wurden.